optimissmut IV - scrollen und klicken


trotz ihrer technischen, kulturellen und sozialen errungenschaften und aller guten laune degeneriert die menschheit still und ergeben vor sich hin ...

optimissmut III - ein 'literarisches selfie'


"obwohl der zug ziemlich voll war, blieb ich ausgesprochen ruhig, nett und höflich ... zu mir selbst, meinem smartphone und meiner tasche. ich schaffte es, für uns drei ein ganzes abteil zu verteidigen, weswegen ich mich mir selbst gegenüber sehr dankbar fühlte. ich vergass auch nicht, diese dankbarkeit leise zu mir selbst mit "gerne" (geschehen) zu quittieren. 
danach schenkte ich während der ganzen fahrt meine aufmerksamkeit ungebrochen dem smartphone. es sind leider nur wenige, die der allgemeinheit so viele dienste der selbstgefälligkeit anbieten, oder etwa nicht?"

(der autor des blogs, der rüppelhaft im selben abteil einen platz beansprucht hat, hat nicht nur - ohne eigentliche erlaubnis - diese zeichnung seines rücksichtsvollen mitreisenden angefertigt, sondern stellvertretend für ihn die obigen worte verfasst. denn dem wäre es in seiner bescheidenheit schlicht zu weit gegangen, auf diese Weise seine anerkannten gesellschaftlichen vorzüge selbst zu preisen)

ein selfie ist ...

Augenblick



"Es handelt sich nur um einen Augenblick. Um den Augenblick, in dem ich diesen Satz niederschreibe, um den Augenblick, in dem ihr ihn lest. Wir haben nur das, nur das ist uns gegeben. Weder die Vergangenheit noch die Zukunft, sondern nur dieser kurze Augenblick der Gegenwart.
Er ist alles, was wir haben und was wir haben können.
Er ist unsere Ewigkeit."

Aus "Anleitung zum Gehen" von Edo Popovic (Luchterhand Literaturverlag, München 2015, p. 37)

das paradies





ging nie verloren - jedoch

uns in gedanken verlierend

und mit abwesendem blick

vertreiben wir morgens als erstes

seinen zarten duft

und sein leuchten

was in den alpen fehlt...

    der bezaubernde klang von allgegenwärtigem lärm
    zartblau schwebende abgasschwaden, welche unserem geruchssinn schmeicheln
    liebenswürdiges drängen und stossen gestresster menschen, die - in autos, auf motor- und fahrrädern oder zu fuss vorbeihetzend - ständig in eile sind
    die fröhliche bilderflut der werbung mit ihren hohlen versprechungen
    schmucke warenhäuser mit überfüllten regalen, welche daran erinnern, was man alles noch an überflüssigem erstehen könnte
    dienstbeflissene medien, die jeden wahllos mit einer menge an auskünften bedrängen, von denen kaum eine persönlich relevant ist
    meist auch die praktische handyverbindung (gottseidank!) - und damit nicht nur die vielen erfreulichen 'push'meldungen sondern ebenso der göttliche anblick von blassen geistern, die ihre augen andauernd auf ein display gerichtet halten und verstört in der gegend umher irren

    Boten des Herbsts


    Nach vielen sonnigen Tagen hatten sich rundum Wolken aufgetürmt, wie ich auf dem Passo di Andolla über Mittag beobachten konnte. Am späten Nachmittag dann - ich war bereits im sehr gastfreundlichen Rifugio Città di Novara (1474 m) in der Valle Antrona einquartiert - begann es zu regnen, erst sachte, dann immer heftiger. Als der Regen eine Weile aussetzte, stieg ich in den urtümlichen Weiler Cheggio hoch. Er war menschenleer, alle Fensterläden verriegelt. Ein letztes Auto mit zwei Älpler fuhr ins Tal. Wir waren eine handvoll Leute im Rifugio, wahrscheinlich die einzigen hier oben. Nochmals leuchtete der Himmel in warmem Gelb auf und liess mir gerade Zeit für eine Skizze, bevor es eindunkelte. Als wir gemütlich vereint und in guter Stimmung um den Tisch sassen und vom Wirtepaar im warmen Rifugio vorzüglich verwöhnt wurden, konnte es regnen, soviel es wollte ... und das tat es dann auch, die ganze Nacht und den folgenden Tag. Der Herbst hatte ein Zeichen gesetzt. Zeit aus den Bergen hinunterzusteigen ... ?

    Begegnungen in den Alpen


    Bergbauer beim Heuen

    Ich war wohl etwas schneller, so dass ich im steilen Bergwald plötzlich hinter ihm herging. Er trug eine ansehnliche Menge langer, dicker und dürrer Äste, zum feuern im Winter. Sein Bündel war geschickt gebaut. Er trug es über der linken Schulter, über der rechten seinen Stock, mit dessen  gebogenen Ende er das Holz zusammenhielt. "Freihändig" stieg er auf diese Weise wendig und mit sicherem Schritt den steilen, gewundenen Pfad hinunter, ohne irgendwo anzustossen. Welch anmutige Eleganz! Bei einem Baum hielt er und lehnte mit einer einzigen, schnellen Geste das Bündel daran, ohne dass ein Ast zu Boden fiel. "Pesante!", meinte ich. "Nein", erwiderte er, "das ist NORMAL", und betonte lachend das letzte Wort. Wie ahnungslos ich doch war. Er dachte nicht daran, auch nur einen Moment Pause zu machen. Er hatte einzig gehalten, um an der Stelle weiteres Holz zu sammeln.